In Deutschland leben inzwischen rund 5,0 Millionen Menschen mit oder nach einer Krebserkrankung. Etwa die Hälfte aller rund 3,5 Millionen Langzeitüberlebenden ist von Spätfolgen der Therapie betroffen. Für viele bedeuten Nebenwirkungen wie Fatigue, Nervenschäden, Schmerzen oder Lymphödeme eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität – oft noch Jahre nach Ende der Behandlung. Das muss nicht sein.
Langzeitfolgen schon zu Therapiebeginn im Blick haben
Fachleute betonen deshalb: Mögliche Langzeitfolgen sollten von Anfang an berücksichtigt werden. Schon bei der Planung der Therapie kann oft viel zur Vorbeugung beigetragen werden. Beispiele sind Medikamente zum Schutz des Herzens bei bestimmten Chemotherapien, die Kühlung von Händen und Füßen zur Verringerung von Nervenschäden oder Kopfhautkühlung, um Haarausfall während der Chemotherapie zu verringern. Auch spezielle Bestrahlungstechniken können helfen, empfindliche Hirnareale zu schonen und damit das Risiko für Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme zu senken.
Individuelle Risiken, individuelle Strategien
Nicht jede vorbeugende Maßnahme ist für alle gleich sinnvoll. Häufig liegen nur begrenzte Daten vor, und es bleibt ein Restrisiko. So wird zum Beispiel diskutiert, ob in stark gekühlten Bereichen oder in ausgesparten Hirnregionen einzelne Tumorzellen überleben könnten. Deshalb müssen Nutzen und Risiken immer sorgfältig gegeneinander abgewogen werden – idealerweise gemeinsam mit Patient:innen.
Wichtig ist eine Planung: Vorerkrankungen wie Diabetes können das Risiko für Nervenschäden erhöhen. Auch persönliche Prioritäten spielen eine große Rolle. Für Berufsmusiker:innen kann ein Hörschaden existenziell sein, während er für andere Menschen weniger schwer wiegt. Ärzt:innen empfehlen daher, offen zu besprechen, welche Nebenwirkungen für Sie besonders belastend wären, und die Therapie – soweit medizinisch möglich – darauf abzustimmen.
Nebenwirkungen sollten außerdem in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden. Wenn zum Beispiel starke Gelenkschmerzen unter einer Antihormontherapie dazu führen, dass Bewegung kaum noch möglich ist, kann das die Prognose verschlechtern – weil körperliche Aktivität als schützend gilt. Hier ist im Einzelfall abzuwägen, wie hoch der Nutzen der Therapie im Verhältnis zur Beeinträchtigung der Beweglichkeit ist.
Empfehlungen bei Immuntherapien
Eine besondere Rolle spielen moderne Immuntherapien. Sie können das Immunsystem so stark aktivieren, dass es auch gesundes Gewebe angreift. Die Folge sind immunvermittelte Nebenwirkungen, zum Beispiel an Haut, Darm, Lunge oder Hormondrüsen.
Für diese Beschwerden gibt es heute klare Empfehlungen: Regelmäßige Kontrollen sind Standard, und je nach Schweregrad kommen entzündungshemmende Medikamente wie Kortison sowie Therapiepausen oder ein Absetzen der Immuntherapie infrage. Beruhigend: Wenn solche Maßnahmen erst nach Therapiebeginn notwendig werden, wirkt sich das in der Regel nur wenig auf den Erfolg der Krebsbehandlung aus.
Neue Ansätze gegen altbekannte Nebenwirkungen
Auch für lang bekannte Spätfolgen werden neue Wege erforscht. Bei peripheren Neuropathien, also Nervenschäden an Händen und Füßen, standen bisher vor allem Medikamente, äußere Anwendungen und Bewegungstherapie im Vordergrund. Inzwischen werden zusätzlich neuromodulierende Verfahren wie die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) oder Eingriffe an den Rückenmarksnerven (Spinal Cord Stimulation) untersucht.
Für strahlenbedingte Fibrosen – das sind narbenartige Verhärtungen des Gewebes – prüft die Forschung Medikamente, die den Vernarbungsprozess bremsen könnten. Beim therapiebedingten Lymphödem, etwa nach Brustkrebs, gewinnen mikrochirurgische Eingriffe neben der bewährten Lymphdrainage an Bedeutung; auch regenerative Ansätze wie Stammzelltherapien werden erprobt.
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