Freistellung vom Job

Pflegezeit bei Krebs – eine wichtige Chance für Angehörige

Einen Angehörigen pflegen, ohne den Job zu riskieren: Pflegezeitgesetz und Familienpflegezeitgesetz ermöglichen es Berufstätigen, sich befristet ganz oder teilweise von der Arbeit freistellen zu lassen, um für ein krebskrankes Familienmitglied da zu sein. Unter welchen Voraussetzungen ist das möglich – und wie lange?

Von Thea Wittmann 15.10.2026 · 08:55 Uhr
Eine jüngere Frau umarmt eine ältere Frau von der Seite - beide blicken aus einem Fenster.  | © AdobeStock-250496474
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Beruf und Pflege zu vereinbaren, ist eine Mammutaufgabe. Wird die Lage akut, stehen Berufstätige vor scheinbar unlösbaren Fragen: Darf ich mich krankschreiben lassen, um die Pflege meiner Mutter zu organisieren? Muss ich kündigen, um mich um mein krebskrankes Kind zu kümmern?

Erleichterungen für pflegende Angehörige

Der Gesetzgeber hat dieses Dilemma erkannt: Bereits seit 2008 ermöglicht das Pflegezeitgesetz (PflegeZG) Berufstätigen, sich zur Pflege naher Angehöriger von der Arbeit freistellen zu lassen. Zum 1. Januar 2015 wurde es deutlich erweitert und mit dem Familienpflegezeitgesetz verzahnt [1].

Als nahe Angehörige gelten [6]:

  • Großeltern, Eltern, Schwiegereltern und Stiefeltern,
  • Ehe- und Lebenspartner:innen sowie Partner:innen in einer eheähnlichen oder lebenspartnerschaftsähnlichen Gemeinschaft,
  • Geschwister, Schwägerinnen und Schwager,
  • Kinder, Adoptiv- oder Pflegekinder (auch die der Ehe- oder Lebenspartner:in), Schwiegerkinder und Enkelkinder.

Welche Freistellungen gibt es?

Das Gesetz sieht Auszeiten von wenigen Tagen bis zu insgesamt 24 Monaten je pflegebedürftiger Person vor – als vollständige Freistellung oder als Reduzierung der Arbeitszeit. Pflegezeit und Familienpflegezeit lassen sich kombinieren, müssen dann aber nahtlos aneinander anschließen. Kündigungsschutz besteht ab der Ankündigung – frühestens zwölf Wochen vor dem geplanten Beginn – bis zum Ende der Freistellung [1].

Besonderheit bei Minderjährigen: Ist ein minderjähriger naher Angehöriger pflegebedürftig, etwa ein Kind oder Enkelkind, besteht der Anspruch auf Freistellung auch dann, wenn die Betreuung nicht zu Hause stattfindet – zum Beispiel während eines Klinikaufenthalts. Voraussetzung ist eine festgestellte Pflegebedürftigkeit; Pflegegrad 1 genügt [1].

Kurzfristig: bis zu zehn Arbeitstage

Ihr krebskranker Vater wird aus der Klinik entlassen und braucht plötzlich Unterstützung? In einer akut aufgetretenen Pflegesituation dürfen Beschäftigte bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben, um die Pflege zu organisieren oder die Versorgung in dieser Zeit sicherzustellen. Einen Antrag beim Arbeitgeber braucht es nicht: Sie müssen ihm die Verhinderung und deren voraussichtliche Dauer nur unverzüglich mitteilen. Auf Verlangen legen Sie eine ärztliche Bescheinigung vor – seit 2026 alternativ auch die Bescheinigung einer Pflegefachperson. Ein Pflegegrad muss noch nicht festgestellt sein; es genügt, dass Pflegebedürftigkeit voraussichtlich vorliegt. Dieses Recht gilt unabhängig von der Betriebsgröße [1].

Ob Sie in diesen Tagen weiter Gehalt bekommen, regeln Arbeits- oder Tarifvertrag; gesetzlich ist der Arbeitgeber dazu nicht verpflichtet. Als Ausgleich können Sie bei der Pflegekasse der pflegebedürftigen Person Pflegeunterstützungsgeld beantragen – für bis zu zehn Arbeitstage je Kalenderjahr. Nehmen mehrere Angehörige für dieselbe Person eine Auszeit, teilen sie sich diese zehn Tage [4].

Längerfristig: bis zu sechs Monate Pflegezeit

Wer eine:n Angehörige:n über längere Zeit zu Hause pflegt, kann bis zu sechs Monate Pflegezeit nehmen – als vollständige oder teilweise Freistellung. Einen Rechtsanspruch haben Beschäftigte in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten. In kleineren Betrieben können Sie eine entsprechende Vereinbarung beantragen; der Arbeitgeber muss innerhalb von vier Wochen antworten und eine Ablehnung begründen. Die Pflegezeit lässt sich nicht in mehrere getrennte Abschnitte aufteilen [1].

Die Pflegebedürftigkeit weisen Sie mit einer Bescheinigung der Pflegekasse oder des Medizinischen Dienstes nach; privat Versicherte legen einen entsprechenden Nachweis ihrer Pflegeversicherung vor. Kündigen Sie die Pflegezeit spätestens zehn Arbeitstage vor Beginn in Textform an – eine E-Mail genügt – und nennen Sie Zeitraum und Umfang. Bei teilweiser Freistellung geben Sie zusätzlich die gewünschte Verteilung der Arbeitszeit an; sie wird in einer schriftlichen Vereinbarung festgehalten [1].

Langfristig: bis zu zwei Jahre Familienpflegezeit

Mit der Familienpflegezeit können Beschäftigte ihre Arbeitszeit für höchstens 24 Monate reduzieren – auf mindestens 15 Stunden pro Woche, bei ungleicher Verteilung im Jahresdurchschnitt. Die Mindestarbeitszeit ist keine Schikane: Sie soll verhindern, dass Pflegende den Anschluss an ihren Beruf verlieren. Die Familienpflegezeit kann sich zum Beispiel an eine vollständige Freistellung in der Pflegezeit anschließen; zusammen dürfen beide höchstens 24 Monate dauern [2].

Einen Rechtsanspruch haben Beschäftigte in Betrieben mit mehr als 25 Beschäftigten (Auszubildende zählen nicht mit). In kleineren Unternehmen ist eine freiwillige Vereinbarung möglich. Die Familienpflegezeit müssen Sie spätestens acht Wochen vor Beginn in Textform ankündigen, als Anschluss an eine Pflegezeit spätestens drei Monate vorher. Umfang und Verteilung der Arbeitszeit werden schriftlich vereinbart [2].

Begleitung in der letzten Lebensphase: bis zu drei Monate

Schreitet die Erkrankung fort und ist eine Heilung ausgeschlossen, möchten viele Angehörige die verbleibende Zeit mit dem erkrankten Familienmitglied verbringen. Dafür können Sie sich bis zu drei Monate vollständig oder teilweise freistellen lassen. Voraussetzung ist eine weit fortgeschrittene Erkrankung, die palliativmedizinisch behandelt werden muss und eine Lebenserwartung von nur noch Wochen oder wenigen Monaten erwarten lässt; das belegen Sie mit einem ärztlichen Zeugnis. Auch hier gilt der Rechtsanspruch erst in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten, und die Ankündigungsfrist beträgt zehn Arbeitstage [1].

Anders als die Pflegezeit setzt diese Freistellung keine Pflege zu Hause voraus: Sie gilt auch für die Begleitung im Hospiz, im Pflegeheim oder auf der Palliativstation. Die drei Monate werden auf die Gesamtdauer von 24 Monaten angerechnet [1].

Pflegezeit flexibel anpassen

Die Pflegezeit lässt sich planen, doch der Gesundheitszustand eines krebskranken Menschen kann sich rasch ändern. So können Sie reagieren [1]:

  • Verlängerung: Haben Sie zunächst weniger als sechs Monate beantragt, können Sie die Pflegezeit bis zur Höchstdauer verlängern, wenn der Arbeitgeber zustimmt. Ohne Zustimmung geht das nur, wenn ein geplanter Wechsel der Pflegeperson aus wichtigem Grund scheitert. Die Verlängerung muss unmittelbar an den ersten Zeitraum anschließen.
  • Vorzeitiges Ende: Ist Ihr:e Angehörige:r nicht mehr pflegebedürftig – etwa weil sich der Zustand gebessert hat oder er oder sie verstorben ist – oder ist die Pflege zu Hause nicht mehr möglich oder zumutbar, endet die Pflegezeit vier Wochen nach Eintritt der Veränderung. Ihren Arbeitgeber müssen Sie darüber unverzüglich informieren. Möchten Sie die Auszeit aus anderen Gründen früher beenden, braucht es seine Zustimmung.

Können Arbeitgeber die Pflegezeit ablehnen?

Ob ein Rechtsanspruch besteht, hängt von der Betriebsgröße ab. Liegt er vor, darf der Arbeitgeber die Freistellung selbst nicht verweigern. Spielraum hat er nur bei der teilweisen Freistellung: Bei der Verteilung der verbleibenden Arbeitszeit muss er Ihren Wünschen entsprechen, es sei denn, dringende betriebliche Gründe stehen entgegen. Diese Gründe muss er darlegen; bloße organisatorische Umstellungen reichen in der Regel nicht aus [1].

Finanzielle Absicherung für pflegende Angehörige

Für die kurzzeitige Arbeitsverhinderung zahlt die Pflegekasse das Pflegeunterstützungsgeld. Es beträgt in der Regel 90 Prozent des ausgefallenen Nettoarbeitsentgelts (bis zu 100 Prozent bei beitragspflichtigen Einmalzahlungen), höchstens aber 70 Prozent der kalendertäglichen Beitragsbemessungsgrenze – 2026 sind das 135,63 Euro brutto pro Tag. Aus der Leistung werden Beiträge zur Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung gezahlt, Ihr Versicherungsschutz bleibt also erhalten [8].

Während einer vollständigen Pflegezeit erhalten Sie weder Gehalt noch Lohnersatz. Prüfen Sie, ob Sie familienversichert sein können; andernfalls müssen Sie sich freiwillig krankenversichern – die Pflegekasse bezuschusst dann auf Antrag die Mindestbeiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung. Hat Ihr:e Angehörige:r mindestens Pflegegrad 2 und pflegen Sie mindestens zehn Stunden pro Woche an mindestens zwei Tagen, zahlt die Pflegekasse zudem Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung, sofern Sie nicht mehr als 30 Stunden pro Woche erwerbstätig sind. In der Familienpflegezeit bleiben Sie über Ihre Teilzeitstelle sozialversichert [7].

Um den Verdienstausfall während Pflegezeit, Familienpflegezeit oder Sterbebegleitung abzufedern, können Sie beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) ein zinsloses Darlehen beantragen – auch dann, wenn die Freistellung in einem kleinen Betrieb freiwillig vereinbart wurde. Es wird in monatlichen Raten ausgezahlt und deckt bis zur Hälfte der Differenz zwischen Ihrem pauschalierten Nettoentgelt vor und während der Freistellung. Nach dem Ende der Freistellung zahlen Sie es in Raten zurück, spätestens 48 Monate nach deren Beginn; in Härtefällen sind Stundung oder ein Teilerlass möglich [2].

Ein Familienpflegegeld als Lohnersatz – vergleichbar dem Elterngeld – wird politisch diskutiert, ist aber nicht beschlossen. Der Gesetzentwurf zur Pflegereform, den das Bundeskabinett am 30. September 2026 verabschiedet hat, enthält es nicht [9].

Zusammenfassung Berufstätige können sich freistellen lassen, um krebskranke Angehörige zu pflegen oder zu begleiten – von zehn Arbeitstagen bis zu insgesamt 24 Monaten. Für die kurze Auszeit gibt es Pflegeunterstützungsgeld, für längere Freistellungen ein zinsloses Darlehen; Kündigungsschutz besteht durchgehend.

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