Ich atme tief ein und spüre, wie sich meine Lunge mit Luft füllt, wie sich mein Brustkorb weitet. Beim Ausatmen fühle ich die Luft aus meiner Nase strömen. Beim nächsten Luftzug achte ich darauf, wie sich meine Schultern mitbewegen. Ich lasse es geschehen und gehe in meinen Gedanken weiter. Spüre meinen Körper nach, wie fühlt sich mein linkes Bein an, wo liegt es auf? Ist es kalt oder warm? Und wie sieht es im rechten Bein aus? Auch den Armen schenke ich diese Aufmerksamkeit. Dann horche ich in mich hinein und bemerke die Zusammenarbeit sämtlicher Organe in mir. Sie arbeiten im Einklang zusammen. Wie ein Orchester, das ein Lied spielt. Mein Körper spielt unterschiedliche Lieder, von „Ode an die Freude“ bis „Wunder geschehen“. Allerdings gibt es einen leichten Missklang.
Ich gehe ihm nach und gehe zu einem fehlgeleiteten Teil in mir. Dort stimmt etwas nicht. Ich schaue in meine Lunge. In meiner Vorstellung befindet sich dort ein riesiger grüner Dschungel, mit Lianen und Büschen, und ich sehe dort einen Schmetterling. Er verschanzt sich in einer Burg. Darum rufe ich in meinen Gedanken meine Abwehrkräfte zusammen. Sie sehen ganz unterschiedlich aus. Ein Schwarm Schmetterlinge, die wie aus einer Rakete geschossen kommen, gepanzerte Nashörner und Elefanten mit Strohhut. Sie gehen gegen den Schmetterling vor. Jede Abwehrkraft auf ihre Art und mit Erfolg.
Dem Falter wird es zu ungemütlich, als die Burg eingerissen und er immer mehr drangsaliert wird. Am Ende werden seine Flügel immer dünner, am Ende sind sie kaum mehr vorhanden, bis der Schmetterling endgültig aufgibt und an seinen eigentlichen Bestimmungsort zurückkehrt. Ich weiß nicht, wo das ist, jedenfalls nicht bei mir. Ich habe keinen Platz für den unruhigen Geist. Nachdem dieser Kampf in meinem Kopf vorbei ist, kann ich mich wieder darauf konzentrieren, wie mein Leben aussehen soll, wenn ich wieder gesund bin und zur Normalität zurückkehren kann.
So in etwa läuft die Methode der „Achtsamkeit basierten Intervention“ ab, die ich während meiner Erkrankung an Morbus Hodgkin gelernt habe. Sie soll helfen, die körpereigenen Abwehrkräfte und die Medikamente an die richtige Stelle zu befördern, um den Krebs zu besiegen. Nebenbei hilft sie, ein besseres Gespür für den eigenen Körper und die persönlichen Gefühle zu entwickeln. Eine Freundin hat mich dabei angeleitet und mir so geholfen, stark zu sein, um eine sehr außergewöhnliche Zeit zu überstehen.
Die Diagnose war nicht nur für mich ein Schock. Keiner hätte damit gerechnet. Aber ich hatte Glück im Unglück. Es waren die richtigen Menschen zur richtigen Zeit zur Stelle. Als bei mir Morbus Hodgkin festgestellt wurde, war das Lymphom in der Lunge bereits mehr als 10 cm groß und wog zwischen 4 und 5 Kilo. Durch das Gewicht hatte sich zu diesem Zeitpunkt etwa zwei Liter Wasser am Herzen angesammelt. Was das genau zu bedeuten hatte, verstand ich erst viel später.
Am Anfang ging alles so schnell. Am Dienstag eröffnete mir die Internistin, dass ich allem Anschein zufolge Morbus Hodgkin habe. Mittwoch musste ich ins Krankenhaus. Am Donnerstag wurde ein Lymphknoten am Hals zur Biopsie herausoperiert, und am Samstag bekam ich schon meine erste Chemotherapie. Somit hatte ich erst mal nicht die Möglichkeit, alles zu verarbeiten, was mir widerfuhr. Die Ärzte erklärten viel, aber ich war wie in Trance. Daher beschloss ich, ein Tagebuch zu führen, das mir helfen sollte, meine Gedanken zu sortieren und die Geschehnisse festzuhalten. Von da an schrieb ich täglich auf, was mir widerfuhr und was mich bewegte. Es half mir, zu verstehen und zu erkennen, was wichtig für mich ist. Und es soll mir helfen, in einer späteren Aufarbeitung die Situationen und Gefühle wieder ins Gedächtnis zu rufen und zu verstehen.
Ich habe für mich entdeckt, dass es wichtig ist, zuversichtlich zu bleiben. Natürlich fällt das wesentlich einfacher, wenn einem die Ärzte eine äußerst gute Prognose stellen. Dennoch darf man nicht vergessen, es handelt sich um eine schwerwiegende Krankheit, die einen aus seinem gewohnten Alltag reißt und alles verändert. Ich sah mich nicht mehr in der Lage, mein Studium fortzusetzen, und ließ mich für ein Jahr beurlauben. Ich konnte auch meinen Nebenjob nicht weiter ausführen. Die Therapie erforderte meine gesamte Kraft und Aufmerksamkeit. Und eben in dieser Situation soll man positiv bleiben. Dieser Spruch kommt nur allzu leicht aus dem Mund anderer.
Ich habe für mich aber festgestellt, dass es mich sehr viel weniger Energie kostet, wenn ich genau das tue. Kleine Kinder wurden zu meinem Vorbild und ich habe wieder zu meinem inneren Kind gefunden. Das Kind, das ich früher war – neugierig, lebensgierig und unvoreingenommen. Das Eingestehen, dass ich auch mal Angst haben darf, Tränen fließen lasse und auch schlechte Tage habe, führte dazu, dass ich die guten Tage ausgekostet habe.
Mein soziales Umfeld hat während der gesamten Zeit meiner Erkrankung eine sehr wichtige Rolle übernommen. Freunde und Familie waren gleichermaßen für mich da, haben es aber einfach verstanden, wenn ich eine Auszeit gebraucht habe und sich gefreut, wenn ich dabei sein konnte. Sie nahmen Rücksicht und hatten Mitgefühl. Dafür bin ich sehr dankbar!
Es war für mich sehr schwierig, zu akzeptieren, dass ich krank bin bzw. dass die Krankheit weit schwerwiegender als eine Erkältung ist. Es ist ein Kampf, den ich ausfechten musste. Um in diesem auch bestehen zu können, habe ich Mitleid abgelehnt, da ich der Meinung bin, dass das keinem etwas bringt. Der Person, die Mitleid hat, geht es nur unnötig schlecht, und mich bremst es aus. Dem gegenüber standen Menschen, welche die ganze Situation nicht für sonderlich bedrohlich hielten und gedankenlos zum optimistischen Denken aufforderten.
Von diesen Leuten nahm ich zumindest emotional Abstand. Es ist eine komplizierte Aufgabe, den richtigen Umgang mit einer Krebsdiagnose zu finden, sowohl für den Patienten als auch für sein Umfeld. Zum einen ist dieses Krankheitsbild nicht mit einem Todesurteil gleichzusetzen, auf der anderen Seite hat es einschneidende Konsequenzen. Mir war es am liebsten, wenn mir Menschen aufrichtig begegnet sind. Das heißt auch, dass sie mir gesagt haben, wenn sie unsicher sind oder Fragen hatten. Fragen konnte ich meistens beantworten und durch meine Offenheit konnten die Unsicherheiten meistens auch beseitigt werden. Vor allem am Anfang ging es darum, dass es in Ordnung ist, wenn man nicht weiß, wie man reagieren soll – ich wusste ja selbst noch nicht, wie ich damit fertigwerden sollte. Dadurch haben meine Freunde schnell gemerkt, dass sie mit mir normal umgehen können und ich meinen Humor nicht verloren habe.
Und in meinem spielerischen Umgang mit der Therapie und der Krankheit habe ich auch meinem Tumor einen Namen und eine Geschichte gegeben. Er bzw. sie hieß Maudra und war ein Schmetterling aus einer parallelen Dimension, die sich hierher verirrt hatte. Meine Aufgabe war es, mit Hilfe der Chemotherapie Maudra wieder nach Hause zu schicken. Es war mir lieber, von einer Fehlleitung als von Bösartigkeit auszugehen. So konnte ich es besser akzeptieren. Und auch meine Freunde kamen so besser damit klar. Es wurde leichter, nachzufragen und darüber zu sprechen oder auch Ärger über diese Erkrankung auszudrücken.
Als klar wurde, dass mir durch die Chemotherapie die Haare ausgehen würden, beschloss ich, diese Gelegenheit zu nutzen, um Frisuren auszuprobieren, verrückt zu sein. Leider waren die Haare schneller weg, als ich gerechnet hatte. Habe mir aber das Ziel gesetzt, das auszuprobieren, wenn sie nach der Therapie wiederkommen. Bis dahin habe ich mich gegen eine Zweitfrisur entschieden. Bei diesem Gedanken hat sich alles in mir gesträubt. Das wäre nicht ich – ich würde mich verleugnen. Ich weiß, dass nicht jeder diese Ansicht hat und einigen die Haare sehr wichtig sind, und ich denke, das sollte man akzeptieren, genauso wie meine Entscheidung. Als es dann so weit war und die Haare ausgingen, flossen dann doch Tränen. Zum einen, weil ich meine Haare mochte, sie waren lang und dunkel, aber auch, weil mich an diesem Abend die Realität eingeholt hatte.
Mir wurde mit einem Schlag klar, dass ich nicht träume. Dieses Ereignis hat mich endgültig aus meiner Trance geholt. Ich ging dazu über, Tücher zu tragen. Es wurde zu meinem Privileg, Tücher zu kaufen, und so entstand eine ganze Sammlung an Schals in den verschiedensten Farben und Mustern. Andere können sich für Taschen und Schuhe begeistern, ich hatte nun meine Kopfbedeckungen. Eine Freundin brachte mich dann auf die Idee, für besondere Anlässe Perücken zu tragen. Da ich aber keine wollte, die nach echten Haaren aussah, entschied ich mich für bunte: pink, blau und grün. Meine Freunde waren schon immer gespannt, was ich wohl das nächste Mal tragen würde, und mir machte es Spaß, immer wieder Neues zu entdecken und auszuprobieren. Es war ein Spiel für mich.
Meine größte Herausforderung war es jedoch, an einem Tag ohne Kopftuch oder Hut auf eine Geburtstagsfeier zu gehen. Ich hatte zwar einigen Freunden gezeigt, wie es aussieht, aber es war doch etwas anderes. Ich wollte mir damit beweisen, dass ich das kann und zu mir stehe. Die Reaktionen waren durchweg positiv. Rückblickend kann ich auch sagen, dass ich weder angestarrt, anders behandelt oder dumm angesprochen worden bin, wie man doch anfangs befürchten könnte.
Das Einzige, was mir in dieser Hinsicht unangenehm war, war, mich so meinem Freund zu zeigen. Obwohl ich mit ihm sehr viel Zeit verbrachte, hat er mich nur zweimal „oben ohne“ gesehen. Ansonsten legte ich sehr viel Wert darauf, ihm gegenüber meinen Kopf bedeckt zu halten. Das änderte sich erst, als meine Haare langsam wieder anfingen zu wachsen. Ein Gutes, was die Therapie wohl mit sich brachte, war, dass nicht nur mein Kopfhaar verschwand. Sämtliche Körperbehaarung fehlte, und ich muss sagen, unterhalb der Nase habe ich die Haare nicht vermisst. Auch meine Haut war während der Therapie rein und extrem weich.
Als ich die Diagnose bekam, gab mir meine Ärztin einen guten Ratschlag. Sie hat mir empfohlen, Morbus Hodgkin nicht im Internet zu recherchieren. Und das habe ich bis zum heutigen Tag nicht getan. Ich wollte nicht wissen, was alles hätte passieren können oder welche Nebenwirkungen die Therapie haben kann. Ich hätte wahrscheinlich mehr heraufbeschworen und wäre verunsichert und verängstigt gewesen. So habe ich einen Schritt nach dem anderen gemacht, mit der Einstellung, dass ich, wenn Nebenwirkungen auftreten würden, sie schon rechtzeitig bemerken würde. Und ich bin mit dieser Einstellung weit gekommen.
Pünktlich zum Jahreswechsel habe ich nun meine Therapie abgeschlossen, eine Reha gemacht und den Bescheid der Vollremission bekommen. Das heißt, ich gelte als geheilt und kann nicht nur ein neues Jahr, sondern auch ein neues Leben voller Elan und Träume beginnen ...
Krebs: Alles ist möglich – auch das Unmögliche (Christel Schoen, Hg.)
Taschenbuch: 332 Seiten
Größe: 17 x 3 x 22 cm oder als E-Book für alle Lesegeräte
Verlag: Books on Demand
Sprache: Deutsch
ISBN: 9783734772481
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