Eine Krebsdiagnose verändert von einem Moment auf den anderen alles. Noch bevor die erste Behandlung beginnt, ist da oft schon etwas anderes: ein diffuses, lähmendes Gefühl der Bedrohung, das sich nicht greifen lässt. Die Psychoonkologin Gunhild Bachmann, die seit Jahren Menschen mit Krebs begleitet, hat dafür ein treffendes Bild gefunden. Sie spricht von „Monstern unter dem Bett“ – von Gedanken, die so beklemmend sind, dass viele Betroffene sich nicht trauen, ihnen überhaupt zu folgen.
„Aber irgendwann kommen sie hervor, ob man will oder nicht“, sagt Gunhild Bachmann. Genau hier liegt oft das Problem: Wer den eigenen Ängsten ausweicht, wird sie nicht los – im Verborgenen wachsen sie weiter. Unbehandelt, so die Psychoonkologin, werden Ängste in der Regel schlimmer statt besser. Umso wichtiger sei es, sich rechtzeitig Unterstützung zu holen.
Erschwerend kommt hinzu, dass ausgerechnet das engste Umfeld die seelische Belastung oft ungewollt verstärkt. Familie und Freunde wollen helfen, trösten, Mut machen – und merken nicht, dass sie damit manchmal das Gegenteil erreichen. „Spätestens wenn Ängste beginnen, das Denken zu bestimmen, der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist und der Schlaf leidet, ist es höchste Zeit, sich psychoonkologische Unterstützung zu suchen“, sagt Bachmann. Aber am besten lässt man es erst gar nicht so weit kommen. Psychologische Unterstützung kann in allen Phasen einer Krebserkrankung sinnvoll sein – auch wenn die Betroffenen noch keine psychische Belastung spüren.
Tabu-Themen, die kaum jemand ausspricht
Eine Krebserkrankung bringt Fragen mit sich, die sich nur schwer aussprechen lassen – schon gar nicht gegenüber den Menschen, die einem am nächsten stehen. Die Angst vor dem Sterben. Veränderungen in der Partnerschaft. Scham, Libidoverlust, das beklemmende Gefühl, sich im eigenen Körper fremd zu werden. „Das sind Gedanken, die für viele ganz schrecklich sind. Über die man eigentlich weder sprechen noch nachdenken will“, sagt Bachmann.
Genau hier setzt die Psychoonkologie an: Sie schafft einen geschützten Raum für all das, wofür es im Familien- oder Freundeskreis keinen passenden Rahmen gibt – einen Raum, in dem diese Gedanken hinterfragt und neu eingeordnet werden dürfen. Nicht immer gebe es eine Lösung, so Bachmann, aber die Gewissheit, dass es okay ist, diese Gefühle zu haben, dass man nicht verrücktspielt, entlaste die Betroffenen enorm.
Im Alltag begegnen Betroffene dagegen oft gut gemeinten Ratschlägen wie: „Das wird schon wieder, du musst nur positiv bleiben.“ Eine nachvollziehbare Reaktion von Angehörigen, die sich selbst überfordert fühlen. Doch der Effekt ist häufig fatal: Betroffene fühlen sich übergangen und verstummen. Dieser Rückzug ist der Nährboden für soziale Isolation – und kann langfristig zu depressiven Symptomen führen. Wen das treffen kann? Grundsätzlich jeden.
Wie häufig ist psychische Belastung bei Krebs?
Seelische Belastung ist bei einer Krebserkrankung kein Ausnahmefall, sondern die Regel. „Ich kenne persönlich keine Person, die durch eine Krebserkrankung nicht belastet ist“, sagt Bachmann. Aus ihrer Erfahrung leiden mindestens 6 von 10 Betroffenen erheblich unter der psychischen Belastung. Auch die medizinische Leitlinie bestätigt das hohe Risiko: Etwa ein Drittel der Krebskranken entwickelt laut Studien eine behandlungsbedürftige psychische Störung.
Am häufigsten treten Angststörungen, Depressionen und Anpassungsstörungen auf. Welche Ängste konkret im Vordergrund stehen, hängt dabei weniger von der Krebsform ab als von der Lebenssituation. Ein junger Mann mit Hodenkrebs sorgt sich womöglich um seine Zeugungsfähigkeit. Eine Frau Mitte 50 mit Brustkrebs beschäftigen dagegen eher Fragen nach Leistungsfähigkeit und der eigenen Rolle.
Die psychische Verfassung ist dabei kein Randthema – sie wirkt auch auf den Behandlungserfolg. „Je mehr Betroffene mit ihren Ängsten, Sorgen und Verstimmungen allein gelassen werden, desto geringer sind die Erfolgschancen der Behandlung“, betont Bachmann. Stark belastete Patientinnen und Patienten erlebten Nebenwirkungen intensiver und brächen Therapien häufiger ab. Wer die Seele stärkt, stärkt nach ihrer Erfahrung also auch die Chancen der Therapie.