Auszug aus „Fliegen mit verklebten Federn“

Alles wieder gut. Alles wieder gut?

„Jetzt ist doch alles wieder gut.“ Diesen Satz hören fast alle Betroffenen, sobald die Krebstherapie abgeschlossen ist. Medizinisch stimmt er oft. Doch genau in diesem Moment beginnt für viele eine Phase, über die kaum gesprochen wird: die „verflixte dritte Phase“. Sie dauert meist länger als die Therapie selbst und ist psychisch oft die herausforderndste Zeit der gesamten Erkrankung. Das neue Werk von Nella Rausch „Fliegen mit verklebten Federn. Wie Du nach der Krebstherapie Dein Leben neu entfaltest“ handelt von der Zeit, in der onkologisch betrachtet Entwarnung gegeben wird, sich das Leben aber keineswegs wieder normal anfühlt. Das Buch beschreibt den langen, oft schwierigen Weg zurück in den Alltag, geprägt von Ängsten, Erschöpfung, Orientierungslosigkeit und innerer Leere, obwohl die Krankheit als überwunden gilt.

Von Redaktion 14.09.2026 · 11:13 Uhr

Kapitel 1 – Alles wieder gut. Alles wieder gut?

Willkommen zurück in der Welt der Gesunden.

Geschafft! Endlich! Die Therapie ist vorbei. Du trittst vor die Tür der Klinik oder der Praxis, in der Du die letzten Monate, vielleicht auch Jahre, behandelt wurdest, und hast noch die Worte im Ohr: „Herzlichen Glückwunsch, Ihre Behandlung ist beendet. Sie sind geheilt. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Wie bitte? Was? Das war es jetzt? Das soll jetzt der Abschied aus der Krankheit sein? Wir hatten uns doch schon aneinander gewöhnt – irgendwie.

Wie benommen und auf Watte gehst Du die ersten Schritte in die wiedergewonnene Therapiefreiheit. Keine Klinikflure mehr, kein Desinfektionsmittelgeruch, der Dich permanent umweht, kein Gepiepse medizinischer Geräte, kein durchdringendes Klingeln des Stationstelefons, kein hektisches Gerenne auf quietschenden Sohlen, keine Bettnachbarin, die schon wieder vor Dir duscht und laut vernehmlich die Zähne putzt, kein Essenswagen in Sicht, der seinen metallenen Charme und den nicht besonders appetitlichen Duft verbreitet, wenn sich die Türen scheppernd öffnen und die Tabletts nach kurzem, lauten Ruckeln freigibt. All das ist jetzt vorbei? Nur ganz langsam, allmählich, dringt der Gedanke des Abschlusses zu Dir durch. Es ist einfach noch sehr irreal.

Genau diese Diskrepanz zwischen „Kapitel abgeschlossen“ und dem verhaltenen Glücksgefühl, es geschafft zu haben, kriegst Du einfach nicht zusammen. Du hast noch keine konkrete Idee, wie es weitergehen soll. Da schwingt noch einiges mit, was nicht verarbeitet ist. Wie auch? Bisher ging es ausschließlich darum, aus der nicht bestellten Misere herauszukommen. Das war Dein neuer „Job“, der extrem viel Raum einnahm. Zeitlich wie gedanklich. Eigentlich müsstest Du Luftsprünge machen und laut lachen. Du hast den ganzen Mist hinter Dir. Der bedrückende Spuk hat ein Ende. Aber so ist es nicht.

Du denkst Dir – fast wie anfangs bei der Diagnose: Das bin nicht ich, das ist jemand anderer, der das gerade erlebt. Du hast sie wieder, Deine Freiheit, die Therapiefreiheit. Doch wo bleibt das dazugehörige Freiheitsgefühl? Wie ein kleines Vögelchen, das kurz nach dem Schlüpfen aus dem Nest geschubst wurde, versuchst Du, das neue Leben zu erkunden. Du flatterst kraftlos vor Dich hin – ungeübt. Kein Wunder, Dein Federkleid ist ja auch noch reichlich verklebt. Wenn Du so losfliegen möchtest, ist die Bruchlandung vorprogrammiert. Das erfasst Du aber noch nicht, die Menschen um Dich herum erst recht nicht. Was hier beginnt, ist ein neuer Lebensabschnitt mit neuen Vorzeichen.

Immer wieder hörst Du Sätze, die das verheißungsvolle Wort „vorbei“ beinhalten. Alle spulen einen ähnlichen Text ab, als hätten sie sich abgesprochen oder als wäre er auf eine endlos lange Banderole gedruckt. „Freu Dich doch. Jetzt kannst Du wieder in Dein altes Leben zurück.“ Oder „Alles ist wieder gut.“ Klar, das ist es ja auch – irgendwie. Es ist ja auch wundervoll. Wie ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist.

  • Aber ist damit alles VORBEI?
  • Was ist genau ALLES?
  • Wo kann ich wieder reinspringen in meinen Film, aus dem ich abrupt rausgeschmissen wurde? Und in welcher Szene, an welcher Stelle genau knüpfe ich an das alte Leben an? Wo war noch mal der Filmriss?

„Jetzt reiß Dich mal zusammen! Du bist endlich krebsfrei. Du hast es geschafft. Das war doch das Ziel. Was stellst Du Dich denn so an? Und schau mal, wie gut Du aussiehst. Das blühende Leben“, schrie mich meine Freundin Carla fast an, als sie zum wiederholten Male feststellte, dass ich ziemlich niedergeschlagen war, komplett adynamisch, wie mein Vater gerne sagte. Und Du, fragst Du Dich das nicht auch? Warum habe ich so ein beklommenes Gefühl? Was ist falsch mit mir? Ich müsste doch feiern – und zwar ganz groß. Ja, okay, ich sehe gut aus, die Haare sind wieder da, meine Gesichtsfarbe ist frisch, aber in mir drin fühle ich das nicht. Ich bin erschöpft, habe so vieles noch gar nicht richtig verstanden. Da sind noch Einschränkungen im Denken, in der Bewegung, in der Erinnerung. Alles geht langsamer.

Dabei haben alle immer gesagt: „Du wirst sehen, Nella, Du wirst wie der Phönix aus der Asche aufsteigen und prächtiger glänzen als je zuvor.“ Genau das hatte ich bestellt. Nur mein Phönix hatte wohl noch keine Nachricht erhalten, er zeigte sich nicht und abheben wollte er erst recht nicht. Er war einfach unauffindbar. Warum war das so? Wo blieb denn die heißersehnte Befreiung, der leichte, unbeschwerte Flug aus dem tiefen Tal in luftige Höhen? Musste ich dafür nicht auch irgendwo hochkraxeln, und wie sollte ich dahin kommen? Wo bleibt die Räuberleiter, wenn man sie braucht?

Josie hatte es schon vor mir gewusst.

Meine erste Begegnung mit diesem Nach-Therapie-Phänomen hatte ich schon einige Monate, bevor mich die oben beschriebenen Gefühle schier erdrückten. Sie hieß Josie. Ich erblickte sie schon von Weitem. Sie saß zusammengekauert auf einem Stuhl im Flur der Onko-Ambulanz. Die Beine hatte sie wie zu einem Paket hochgezogen und dicht an ihren Körper gepresst. Ihre Arme waren wie Schnüre, die alles fest umschlangen. Dabei schaukelte sie leicht vor und zurück, zitterte und schluchzte. Wir kannten uns von diversen Aufenthalten im Wartebereich.

Nichts Gutes ahnend, ging ich auf sie zu. „Was ist passiert, Josie?“, fragte ich und setzte mich neben sie. „Meine Therapie ist zu Ende. Davor hatte ich immer eine so große Angst. Jetzt ist der Tag gekommen und ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ohne Therapie habe ich doch niemanden mehr, der sich um mich kümmert. Hier sind alle so nett und ich weiß immer, was als Nächstes dran ist. Ich habe einen Plan.“ Sie ließ sich kaum beruhigen. Wir sprachen leise und intensiv.

Das hatte ich bis dahin überhaupt nicht so gesehen, nicht für möglich gehalten. Ihre Verzweiflung war wie eine dritte Person in diesem Setting, ich konnte sie schier greifen, so präsent war sie. „Du wirst mich verstehen, wenn Du an dem Punkt bist“, war ihr letzter weiser Satz, als wir uns in der Cafeteria verabschiedeten. Sie hatte sich inzwischen beruhigt und sollte damit recht behalten.

Mich erwischte es Wochen, genauer gesagt Monate, nachdem ich wieder in Berlin bei meiner Familie war. Da brach auch bei mir alles plötzlich über mir zusammen. Nach meiner Stammzelltransplantation in der Uniklinik Münster hatte ich eine harte Zeit in der Isolation und Nachsorge hinter mir. Ohne Vorwarnung stürzte ich ganz plötzlich und unerwartet mental komplett ab. Ich verkroch mich immer mehr, war unzufrieden mit mir und dem Leben und weinte stundenlang.

Ängste, die ich vorher nicht gekannt hatte, klopften heftig an meine Tür im Kopf. Bisher hatten die mich weitestgehend in Ruhe gelassen. Ich schlief schlecht. Das war ein Nervenzusammenbruch der feinsten Sorte. Nach wie vor ging es alle drei Wochen zur Kontrolle der Blutwerte in die Charité nach Berlin-Steglitz ins Krankenhaus Benjamin Franklin. Die Schwestern in der Ambulanz hatten mich noch nie so erlebt und machten sich Sorgen, als ich tränenüberströmt in der kleinen Anmeldebox meine Karte rüberreichte. „Was ist denn los, liebe Frau Rausch? So kenne ich Sie ja gar nicht."

Nach Worten suchend, kam mir ein gequältes „Ach, das wird schon wieder.“ über die Lippen. Während ich zur Wartezone vor dem Labor schlich, dachte ich: Ist das jetzt die Phase, von der mir Josie erzählt hatte? Die Symptome waren mir aus ihren Erzählungen ja bereits vertraut. Sie hatte sie mir genau geschildert.

Jetzt erinnerte ich mich wieder. Nachdenklich nahm ich auf einem dieser unbequemen Stahlstühle neben einer sportlichen älteren Frau mit Miss-Kitty-Mütze auf dem Kopf Platz. Den Schnipsel mit meiner Wartenummer hielt ich fest in der Hand, als wäre er ein Kinoticket. Ich jedenfalls wollte diesen Film hier schnell wieder verlassen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Es war nicht zu übersehen, ich war in sehr schlechter seelischer Verfassung.

 

„Fliegen mit verklebten Federn“ (Nella Rausch)

Erschienen: 4. Februar 2026
Formate: Paperback und E-Book
Umfang: 242 Seiten
Verlag: Selfpublishing (BOD – Books on Demand)
ISBN: ISB-13: 9783819293955

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