Auszug aus „Fliegen mit verklebten Federn“

Bewusster Leben

„Jetzt ist doch alles wieder gut.“ Diesen Satz hören fast alle Betroffenen, sobald die Krebstherapie abgeschlossen ist. Medizinisch stimmt er oft. Doch genau in diesem Moment beginnt für viele eine Phase, über die kaum gesprochen wird: die „verflixte dritte Phase“. Sie dauert meist länger als die Therapie selbst und ist psychisch oft die herausforderndste Zeit der gesamten Erkrankung. Das neue Werk von Nella Rausch „Fliegen mit verklebten Federn. Wie Du nach der Krebstherapie Dein Leben neu entfaltest“ handelt von der Zeit, in der onkologisch betrachtet Entwarnung gegeben wird, sich das Leben aber keineswegs wieder normal anfühlt. Das Buch beschreibt den langen, oft schwierigen Weg zurück in den Alltag, geprägt von Ängsten, Erschöpfung, Orientierungslosigkeit und innerer Leere, obwohl die Krankheit als überwunden gilt.

Von Redaktion 14.09.2026 · 11:32 Uhr

Kapitel 7 – Bewusster Leben

7.1 – Grenzen setzen: Stop „People pleasing“!

Womit könnte dieses Kapitel besser beginnen als mit dem Thema Grenzen setzen. Auch wenn ich zu den Menschen gehöre, die das eigentlich ganz gut können – die Betonung liegt auf eigentlich –, finde ich es wichtig, immer wieder in mich hineinzuhorchen. Es schleichen sich auch bei mir gerne wieder Gewohnheiten ein, die mir nicht guttun. Manchmal bemerke ich sie gar nicht, weil sie – obwohl ungesund – so normal geworden sind.

Zum Beispiel das Hinterherräumen hinter den Kindern. Es nervt mich einfach. Und bevor ich tausendmal „bitte, bitte“ mache, erledige ich es dann lieber selbst. Kommt Dir das bekannt vor?

Mini-Übung: Notiere Dir ein bis drei Situationen aus Deinem Alltag, in denen Du automatisch in alte Muster fällst. Schreibe dazu, wie Du beim nächsten Mal stattdessen reagieren könntest. Ein Gedanke, der Dir die Umsetzung der Übung leichter machen kann: Frage Dich, welches Motiv hinter Deinem Verhalten steckt. In meinem Fall – das ständige Hinterherräumen hinter den Kindern – könnten es zum Beispiel diese Motive sein:

  • Harmoniebedürfnis: Ich will keinen Streit anfangen.
  • Kontrollwunsch: Es soll schnell gehen und ordentlich sein.
  • Verantwortungsgefühl: Ich mache es lieber selbst, als es von anderen einzufordern.

Bei mir trifft ganz klar der zweite Punkt zu – der Wunsch nach Kontrolle und Schnelligkeit.

Vielleicht erkennst Du Dich in einem dieser Motive wieder. Es kann auch ein anderes sein. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, welches Bedürfnis dahintersteht. Dann wird es leichter, andere Wege zu finden, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden – ohne automatisch in alte Muster zu verfallen. Susanne Fröhlich hat das in einem Gespräch einmal so formuliert: „Wenn wir zusammen schmutzen, können wir auch zusammen putzen.“ Was habe ich also gemacht? Ich habe Wochentage eingeführt, an denen die Kinder durchsaugen und Staub wischen. Bisher klappt das ganz gut.

„Schön und gut, Nella. Aber was ist, wenn ich denke, die anderen halten mich nicht mehr für belastbar, nur weil ich jetzt auf einmal öfter Nein sage und meine Grenzen klar formuliere?“

Aus Erfahrung weiß ich: Die Menschen denken ohnehin, was sie wollen. Du kannst nicht in ihre Köpfe schauen. Entscheidend ist, dass Du Deine Haltung selbstbewusst kommunizierst und nicht gleich einknickst, wenn jemand noch einmal bittend nachfragt: „Hast Du wirklich keine Zeit? Nur dieses eine Mal.“

Belastbarkeit versus Selbstaufgabe

Im Job ist das aber noch einmal schwieriger. Besonders dann, wenn Du nach einer langen Krankheit wieder zurückkommst und alle daran gewöhnt waren, dass Du es schon richten wirst. Außerdem hast Du den Anspruch an Dich selbst, richtig gut zu sein. Du willst unbedingt perfekt performen. Wenn Du hier Grenzen ziehst, bedeutet Dein „ungewöhnliches“ Verhalten keineswegs, dass Du nicht belastbar bist, sondern dass Du bewusster mit Deiner Energie umgehst. Das Gefährliche ist: Die Grenzen zur Selbstaufgabe sind fließend. Belastbarkeit bedeutet nicht, alles mitzumachen oder sich aufzuopfern. Wahre Stärke zeigt sich darin, die eigenen Grenzen zu kennen und einzuhalten.

Lass Dich nicht in alte Abläufe und Muster drängen, wenn Du an Deinen Arbeitsplatz zurückkehrst. Das gilt übrigens auch für Dein häusliches Umfeld. Anstatt sofort Ja zu sagen, kannst Du, wenn Dir ein klares Nein schwerfällt, antworten: „Ich überlege es mir und gebe Dir Bescheid.“ So hast Du Zeit, abzuwägen, ob Du es wirklich tun möchtest. Aber: Stehe dann auch zu einem möglichen Nein und lass Dich nicht umstimmen.

Wichtig sind außerdem klare Vereinbarungen mit Deinem Arbeitgeber oder Deiner Arbeitgeberin über den Umfang Deiner Arbeitsleistung. Sei hier nicht zu großzügig – versuche realistisch zu bleiben. Selbstüberschätzung hilft niemandem.
 

„Fliegen mit verklebten Federn“ (Nella Rausch)

Erschienen: 4. Februar 2026
Formate: Paperback und E-Book
Umfang: 242 Seiten
Verlag: Selfpublishing (BOD – Books on Demand)
ISBN: ISB-13: 9783819293955

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