Kapitel 03 – Das Mindset, die innere Haltung
„Dein Mindset, die innere Haltung finden."
Das steht nicht nur als Überschrift über diesem Kapitel, sondern auch über allem, was in der nächsten Zeit auf Dich zukommt.
Denn noch bevor es um Behandlungspläne, Arztgespräche, Zweitmeinungen, Anträge oder all die anderen Dinge geht, die plötzlich wichtig werden, geht es erst einmal darum, innerlich nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren. So eine Diagnose wirft ja nicht nur medizinische Fragen auf. Sie rüttelt an Deinem Sicherheitsgefühl, an Deinem Selbstbild, an Deinen Plänen, manchmal an allem gleichzeitig. Und genau deshalb ist es so wichtig, möglichst früh eine Haltung zu entwickeln, die Dir hilft, mit all dem umzugehen, ohne Dich daran bis zur Erschöpfung abzuarbeiten.
Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder umtreibt, ist die Suche nach der Schuld, die große Schuldfrage. Krebspatientinnen und Krebspatienten werden erstaunlich oft direkt und schonungslos mit der Frage konfrontiert, was sie denn wohl falsch gemacht hätten. Und viele von uns stellen sich diese Frage irgendwann auch selbst. Genau dem möchte ich dringend gleich etwas entgegensetzen.
Denn die ehrliche Antwort auf diese Suche lautet: Das kann niemand seriös und abschließend sagen. Wenn Krebs so eindeutig auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden könnte, wäre die Krebsforschung längst an einem ganz anderen Punkt. Stattdessen ist seit Langem klar, dass die Entstehung von Krebs multifaktoriell ist. Genetische Veränderungen, Umweltfaktoren, Alterungsprozesse, Lebensstil und manches, das sich bis heute nicht eindeutig greifen lässt, können dabei zusammenwirken.
Wie genau sich diese Faktoren im Einzelfall auswirken, ist nicht bekannt. Und manchmal ist es eben auch einfach nur Pech. Genau das sagte uns eine sehr nette Ärztin auf der Intensivstation, als mein Mann niedergeschlagen fragte, warum es ausgerechnet seine Frau getroffen hat. Eine Frau, die nie geraucht hat, sportlich ist, wenig Alkohol trinkt und eigentlich rundum zufrieden mit ihrem Leben, den Kindern und ihrem Job war.
Natürlich heißt das nicht, dass ein gesunder Lebensstil unwichtig wäre. Nicht zu rauchen, sich zu bewegen und gut für sich zu sorgen, ist sinnvoll. Aber daraus folgt eben nicht im Umkehrschluss, dass eine Krebserkrankung die Quittung für ein „falsches“ Leben wäre. Krebs ist keine moralische Rechnung. Und genau deshalb führt die Schuldfrage so oft in die Irre. Sie bindet Kraft, die Du gerade für etwas ganz anderes brauchst.
Vielleicht ist das Hadern („Warum ich?“) und Grübeln aber auch so hartnäckig, weil es uns für einen Moment das Gefühl gibt, wieder etwas Kontrolle zu haben. Wenn ich nur herausfinde, warum das passiert ist, so die Hoffnung, kann ich vielleicht verhindern, dass es noch einmal passiert (Rezidivangst). Eine Erklärung verspricht Ordnung im Chaos. Sie macht das Unfassbare scheinbar greifbarer. Oder, wie eine Onkologin es einmal treffend formuliert hat, sie bedient die Allmachtsfantasie des Menschen, auf alles im Leben Einfluss nehmen zu können. Genau darin liegt die Verführung dieser Suche. Nur leider funktioniert Krebs nicht so.
Wenn Du Dir dann noch klarmachst, wie häufig Krebs ist, wird die Schuldfrage erst recht fragwürdig. Nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten wurden in Deutschland 2023 rund 517.800 Krebserkrankungen erstmalig diagnostiziert. Wir reden also nicht über eine seltene Ausnahme, sondern über eine Erkrankung, die sehr viele Menschen betrifft. Statistisch betrachtet wird jeder zweite Mensch im Laufe seines Lebens eine Krebsdiagnose erhalten.
…
Je früher Du annehmen kannst, dass die Diagnose jetzt da ist und Du damit irgendwie umgehen musst, umso besser. Ich weiß selbst sehr genau, dass das leichter gesagt als getan ist. Und es geht auch nicht darum, sofort tapfer, sortiert und abgeklärt zu sein. Es geht eher um eine positive und aktive Grundhaltung, die Dir hilft, Deine Kraft nicht in Grübelschleifen, Selbstvorwürfen und endlosen Was-wäre-wenn-Gedanken oder in der Frage nach dem „Warum ich“? zu verlieren.
❣Liebevoller Merksatz für Dich: „Die Dinge sind dran, wenn sie dran sind.“
Das ist einer der vielen weisen Sätze aus dem Mund meiner Psychoonkologin Margarethe, den ich bis heute beherzige. Gedanken, die Ängste schüren, tragen selten dazu bei, dass wir besonnen auf bestimmte Fakten reagieren oder nach gangbaren Wegen suchen.
David, ein lieber Freund von mir, benutzt dafür das Bild eines Parkplatzes. „Dinge, die ich nicht verstehe, die mir zu groß sind, parke ich erst einmal bildlich ein und schaue später noch mal vorbei.“ Ich mag dieses Bild sehr, weil es weder für Verdrängung noch für Panik steht. Es ist eher eine freundliche Form von Selbstschutz. Nicht alles muss sofort entschieden und gelöst werden.
Gerade wenn die Diagnose noch frisch ist, kommt es auf einen möglichst klaren Kopf an. Damit meine ich nicht, dass Du Dich hetzen lassen sollst. Im Gegenteil. Triff Deine Entscheidungen mit Bedacht. Es kommt sehr selten auf Stunden oder einzelne Tage an. Aber es hilft, wenn Du Deine innere Haltung nicht von der Angst bestimmen lässt. Dass sie sich meldet, ist ganz normal. Die Kunst besteht eher darin, ihr nicht das Steuer zu überlassen.
Warum sagt mir das denn niemand? Was Du nach einer Krebsdiagnose alles wissen musst.“ Neuauflage 09/2026 (Nella Rausch)
Erschienen: 2. September 2026
Formate: Paperback (In Kürze auch als E-Book erhältlich)
Umfang: 220 Seiten
Verlag: Selfpublishing (BOD – Books on Demand )
ISBN: ISBN-13: 9783696748777
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