Mein Leben war bestens organisiert, ausgefüllt mit viel Arbeit in Job, Familie, Haushalt, aber auch Freizeitaktivitäten und Treffen mit zahlreichen guten Freunden. Eigentlich hatte ich nie Angst, eine derartige Erkrankung könnte mir widerfahren.
Vielleicht gab es Vorzeichen: So bekam ich etwa anderthalb Jahre vor der Diagnose eine schwere Lungenentzündung, die ich mir im Urlaub zugezogen und nicht richtig auskuriert hatte. Ich nahm mir keine Zeit, um richtig gesund zu werden. Mein Sohn feierte seine Hochzeit, und ich musste ja wieder zur Arbeit gehen, nebenher gab es noch anderen Ärger und vieles mehr. So brauchte ich sehr lange, bis ich mich wieder einigermaßen gesund fühlte.
Generell war ich schnell erkältet, hatte immer wieder Husten und Halsentzündungen. Offensichtlich war meine Immunabwehr nicht intakt und dies seit einigen Jahren. Ich hatte mich jahrelang überfordert, wollte immer alles perfekt machen, im Job und auch privat. Für mich selbst nahm ich mir viel zu wenig Zeit, um einfach mal die Seele baumeln zu lassen oder ein gutes Buch zu lesen. Vielleicht lag darin der Ursprung meiner Erkrankung?
Anfang Februar 2012 – ich hatte seit längerer Zeit Husten – musste ich vorsichtshalber vor einer geplanten Venen-OP zum Lungenfacharzt. Dort bekam ich mein Röntgenbild präsentiert mit einem zirka vier Zentimeter großen Rundherd. Der Arzt schickte mich zum CT mit den Worten: „Wenn ich das Bild betrachte, müsste ich einen kranken Menschen vor mir sehen, aber dies ist nicht der Fall.“
Mitte Februar folgte das CT und einen Tag später bekam ich meine Diagnose – TUMOR IN DER LUNGE. Der Schock saß tief, hatte ich doch immer gesund gelebt und war keine Raucherin! Daraufhin wurde ich an eine Lungenfachklinik überwiesen, wo diverse Untersuchungen wie Bronchoskopie, PET, MRT etc. vorgenommen wurden
Die Diagnose bestätigte sich, und man entschied, mich zu operieren. Dabei sollte ein Teil meines Lungenflügels entfernt werden, nach ärztlicher Meinung mit besten Chancen auf Heilung. Fast freudig ging ich Mitte März 2012 zum OP-Termin. Endlich würde ich das „böse Teil“ in mir loswerden. Doch es sollte der bisher schlimmste Tag meines Lebens werden …
Noch halb benommen von der Narkose und mit schrecklichen Schmerzen, trotz Schmerzinfusion, sagte mir die Ärztin: „Wir konnten den Tumor nicht entfernen, da bei der Operation der Befall der Pleura (Rippenfell) festgestellt wurde. Mit dieser Diagnose war klar, dass Sie schnellstens eine Chemotherapie brauchen. Wenn wir alles, was nötig gewesen wäre, entfernt hätten, bräuchten Sie Monate zur Erholung, bevor eine Therapie möglich wäre, und diese Zeit haben Sie nicht.“
Ärzte reden Klartext, um ja keine falschen Hoffnungen zu wecken; dies mag zwar richtig sein, aber für die Psyche eines Menschen wäre es oft wichtiger, zumindest ein bisschen Hoffnung zu vermitteln. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, das war´s, mir kann keiner helfen, mein Leben ist zu Ende. Tagelang konnte und wollte ich niemanden sehen.
Nach ein paar Tagen folgte dann ein Gespräch mit dem Onkologen, der mich über die Nebenwirkungen und Risiken einer Chemotherapie aufklärte. Er sagte mir, eine Heilung gebe es für mich nicht, aber ich könnte mit der Therapie einen Stillstand erreichen, dann sei es vergleichbar mit einer chronischen Krankheit, die immer wieder kontrolliert und unter Umständen behandelt werden muss.
Diese Mitteilung bedeutete zumindest einen Funken Hoffnung für mich. So begann drei Wochen nach der OP eine palliative Chemotherapie mit sechs Zyklen im dreiwöchigen Rhythmus. Es war eine schwere Zeit, auch für meinen Mann, der mich immer wieder tröstend in die Arme nahm, wenn die Hoffnungslosigkeit in mir dominierte.
Die Nebenwirkungen, wie z.B. Übelkeit, konnten durch Medikamente weitgehend vermieden werden. Ich hatte aber mit Müdigkeit, Unruhe, schlechtem Schlaf, Geschmacksirritationen und Taubheitsgefühl an Händen und Füßen zu kämpfen. Ich verlor alle Haare und trotz hübscher Perücken fühlte ich mich sichtbar krank. Besonders schlimm empfand ich den Verlust der Augenbrauen und Wimpern. Zum Glück sind diese aber schnell wieder gekommen.
Ich überstand die Chemo trotzdem „relativ“ gut. Auch habe ich den Rat meines Hausarztes – der sich zum Glück Zeit für Gespräche mit mir nahm – befolgt, die Behandlungen zu akzeptieren und daran zu glauben, denn nur so können sie helfen. Mein Tumor hat sich durch die Chemotherapie immerhin um 40 Prozent zurückgebildet. In der Zeit habe ich über vieles nachgedacht und gelesen.
Das Verhältnis zu meinem Ehemann änderte sich, denn so manches ist im Alltagstrott untergegangen. Unser Miteinander hat sich sehr intensiviert. Durch Krankheit erkennt man erst wieder, wie wichtig man füreinander ist und wie sehr man sich gegenseitig braucht. Ich bin von Anfang an völlig offen mit der Situation umgegangen und habe viel Zuneigung und Hilfe in der Familie erfahren. Ebenso empfand ich den Zuspruch unserer Freunde als sehr positiv.
Mit dieser Krankheit hat sich eine Menge verändert in meinem Leben. Ich nehme mir Zeit für mich, entspanne täglich nach der Methode von Simonton, dessen Buch ich gelesen habe. Dabei stelle ich mir bildlich vor, wie meine körpereigene Abwehr den Tumor angreift und verschwinden lässt.
Ich versuche nicht, nach dem WARUM zu fragen. Diese Frage kann keiner beantworten, und wenn meine Nerven mal wieder verrückt spielen und ich mit meiner Diagnose hadere, höre ich gerne eine Entspannungs-CD. Zur Stärkung des Immunsystems bewegen wir uns häufig an der frischen Luft.
Außerdem habe ich mich viel mit Ernährung befasst und unter anderem das Antikrebs-Buch von David Servan-Schreiber gelesen. Ich versuche sehr ausgewogen zu essen, obwohl ich auch vor meiner Krankheit nicht ungesund gelebt habe. So habe ich den Genuss von weißem Mehl, Süßigkeiten und Zucker stark reduziert. Wir trinken hochwertigen grünen Tee, essen rote Früchte, viel Gemüse und Kurkuma, Vollkornprodukte, schwarze Schokolade, und ich trinke öfter mal ein Glas Rotwein.
Ich esse nichts, was mir nicht schmeckt, auch wenn es gesund sein soll, denn ich glaube, der Körper hat einen Sensor, der sehr wohl anzeigt, was ihm guttut. Mir ist natürlich bewusst, dass ein Lungentumor nur bedingt über die Ernährung zu beeinflussen ist. Aber es hilft ja dem ganzen Körper und auch der Familie.
Den Spruch von Paracelsus habe ich mir an die Küchenwand getackert: Die Krankheit geht, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat. Ihren Zweck hat sie erfüllt, sie kann/muss also gehen!
Ich habe mich auf die wesentlichen Dinge im Leben konzentriert. Meinen Stress baute ich weitestgehend ab, man muss es nicht jedem recht machen und auch mal Nein sagen können. Dies ist zwar gelegentlich nicht leicht, aber ich versuche es.
Mein Resttumor blieb stabil für anderthalb Jahre. Leider hat sich bei der anschließenden Kontroll-Untersuchung eine geringe Größenprogression ergeben. Von einer Therapie wurde allerdings noch mal abgesehen, jedoch muss ich wieder im Rhythmus von sechs Wochen zur Kontrolle.
Zum Glück zeigte sich bei der letzten Untersuchung erneut ein Stillstand. Aber die Ärztin meinte damals, es müsse mir klar sein, dass ich wieder eine Therapie brauche, mein Stillstand dauere ja schon anderthalb Jahre – eine geschenkte Zeit. Früher hätte ich dies bestimmt auch so betrachtet, aber jetzt sind mir anderthalb Jahre zu wenig!
Tja, meine Gefühle fahren wieder Achterbahn, und ich habe Angst vor einer neuen Therapie. Ich hoffe sehr, dass der Stillstand noch lange Zeit anhält. Es geht mir gut, vielleicht nicht mehr so wie vor der Krankheit, aber im Hinblick auf diese sogar sehr gut. Ich hoffe, dass der liebe Gott mir noch lange Zeit gibt.
Bei jeder Untersuchung drücken mir viele liebe Menschen die Daumen. Manche zünden sogar eine Kerze für mich an. Ich glaube daran, dass das hilft, ich werde kämpfen, denn ich will leben. Natürlich mache ich mir immer wieder Gedanken: Was ist, wenn sich mein Zustand verschlechtert? Wie lange kann ich es schaffen? Was ist, wenn ich nicht mehr bin?
Sechs Monate später: Bei der Kontrolluntersuchung hat sich gezeigt, dass der Tumor gewachsen ist und sich Metastasen in der Lunge zeigen. Eigentlich war mir dies aber vorher schon klar, da ich mich nicht mehr gut fühlte. Ich war schneller außer Atem und hustete immer wieder.
Somit musste ich mit einer neuen Therapie beginnen. Seit September 2013 gibt es ein neues Medikament, einen sogenannten TKI-Hemmer. Diese Medikamente bremsen das Wachstum der entarteten Zellen. Ich habe Glück, dass mein Tumor eine Genmutation aufweist, bei der das Medikament eingesetzt werden kann. Mein Onkologe machte mir sehr viel Hoffnung, dass die TKI-Hemmer bei mir ansprechen.
So begann ich Ende Juli 2014 mit der Einnahme von täglich einer Tablette. Anfangs hatte ich ziemlich unter den Nebenwirkungen zu leiden, wie starkem Durchfall und Hautproblemen. Nach einer kurzen Einnahmepause und einer Reduzierung der Dosis komme ich aber nun klar. Und das Beste ist – es hilft! Bei einer Kontrolle nach zehn Wochen zeigte sich ein starker Rückgang meines Tumors, und die Metastasen sind sogar ganz verschwunden. Selbst die Ärzte staunten und freuten sich mit mir.
Ich fühle mich auch sehr gut und kann alles machen, selbst Walking und Bergwandern. Nun hoffe ich sehr, dass dieser Behandlungserfolg sehr lange anhält, und wenn irgendwann wieder etwas wachsen sollte, dann gibt es bestimmt ein neues Mittel für mich.
So versuche ich nach dem Motto „Carpe diem – genieße den Tag“ zu leben und positiv nach vorne zu schauen. Zum Schluss noch die Zehn Gebote eines salutogenetischen Gesundheitsweges von Dr. Ebo Rau, die ich mir ebenfalls an die Wand getackert habe und immer wieder lese.
- Akzeptiere Unabänderliches und schaue nicht zurück.
- Akzeptiere Hässliches, Trauriges, Schlechtes, aber sehe und danke für Schönes, Frohes und Gutes in deinem Leben.
- Pflege Deinen Glauben, um schwerste unverständliche Lebenslagen tragen und meistern zu können.
- Gewöhne Dir das Sorgen ab, denn es hilft dir nicht weiter.
- Mache immer das Nächstliegende Schritt für Schritt.
- Gewöhne Dir das Ärgern ab, denn der Ärger kommt von Dir selbst und schadet nur Dir.
- Freue Dich und lache so oft wie möglich.
- Sei bescheiden und dankbar.
- Lebe und anerkenne Dich selbst und andere.
- Lebe aktiv, wenig und mutig!
Krebs: Alles ist möglich – auch das Unmögliche (Christel Schoen, Hg.)
Taschenbuch: 332 Seiten
Größe: 17 x 3 x 22 cm oder als E-Book für alle Lesegeräte
Verlag: Books on Demand
Sprache: Deutsch
ISBN: 9783734772481
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