AUSZUG AUS “Krebs: Wege aus der lauten Stille des Schweigens”

Love it, change it or leave it!

"Love it, change it or leave it!" ist eine von vielen Geschichten aus dem Buch “Krebs: Wege aus der lauten Stille des Schweigens” von Christel Schoen. Die Geschichten von Menschen, die an Krebs erkrankt sind oder waren, zeigen Ihnen, woher Zuversicht und Vertrauen kommen können. Und machen deutlich: Es ist gut und richtig, Mut zu fassen, um bestens informiert und eigenverantwortlich den eigenen Genesungsweg zu gehen.

Von Marlis Winnefeld 30.04.2026 · 14:50 Uhr

Entweder du liebst es, oder du änderst es, oder du verlässt es! Mit diesem Motto hat mich ein Psychologe konfrontiert, mit dem ich über die Rückkehr an meinen Arbeitsplatz gesprochen habe. Damals nahm ich das nicht besonders ernst, denn ich war nach der Krebstherapie noch gar nicht bereit dazu, mich wieder auf die Berufstätigkeit einzustellen. Wenn ich aber heute, mehr als fünf Jahre danach, zurückblicke, dann muss ich sagen, dass ich genau diesem Weg gefolgt bin und es eine gute Entscheidung war. Aber der Reihe nach: 

Mit 57 Jahren, also nicht mehr ganz jung, aber auch nicht besonders alt, mitten im Berufsleben bei einem großen öffentlichen Arbeitgeber stehend, engagiert, ohne Blick auf den Feierabend, wurde ich fast über Nacht von der Diagnose Brustkrebs überrascht. Die folgenden Monate habe ich mich voll auf die Therapie konzentriert. Als die Zeit der Krankengeldzahlung sich dem Ende näherte, musste ich mich entscheiden, wie es weitergehen sollte. Einerseits fühlte ich mich den Anforderungen meines Arbeitsplatzes noch nicht gewachsen, andererseits stand mit der Einstellung der Zahlung ein tiefes finanzielles Loch bevor. Ich wählte einen Kompromiss. Dank meines Partners war es für mich finanziell möglich, die Arbeitszeit um die Hälfte zu reduzieren und trotzdem alle Verpflichtungen zu erfüllen und über die Runden zu kommen. 

Der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen war während meiner Therapiephase gut, ich habe offen über meine Krankheit geredet und Interesse, Anteilnahme und Zuwendung erfahren. Er ist während dieser vielen Monate nie abgerissen, und deshalb glaubte ich, meine Rückkehr wäre mehr als erwünscht. Was sollte also schiefgehen bei so vielen verständnisvollen und netten Menschen, von denen einige Ärzte und Psychologen sind?

Gut gewappnet – so meinte ich – ging ich in ein vorbereitendes Gespräch mit meinen beiden unmittelbar Vorgesetzten. Ich sprach offen über meine Probleme, Wünsche und Vorstellungen, darüber, was für mich anders war als vorher, wo ich Unterstützung brauchte. Das Positive zuerst: Der Reduzierung meiner Arbeitszeit auf die Hälfte wurde zugestimmt, zu meinen Vorstellungen über Aufgaben, die ich zu Beginn übernehmen könnte und welche erst im Laufe der nächsten Monate und nicht sofort, zustimmend genickt. Dann die überraschende Frage (sinngemäß): Wollen Sie nicht lieber die Rente beantragen? Ich war perplex, konnte mir gerade noch die Frage abringen: Welche Rente? Ich war 58 Jahre alt, nach sozialmedizinischer Beurteilung aus der Reha „voll leistungsfähig“? Keine Antwort. Dann folgte der Hinweis, dass ich in Zukunft kein eigenes Arbeitszimmer mehr belegen könne. Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen meines Arbeitsbereichs verfügten über eigene kleine Zimmer, meins zum Beispiel hatte zu diesem Zeitpunkt 12 Monate leer gestanden. Es waren auch keine potenziellen Kollegen in Sicht, mit denen ich ein Zimmer hätte teilen müssen. Grundsätzlich hatte ich nichts dagegen, nur zu diesem Zeitpunkt fand ich den Hinweis vollkommen unangemessen. Danach vergaß ich dieses merkwürdige Gespräch erst einmal wieder und freute mich auf die Rückkehr. Der Rest würde sich ergeben, wenn ich erst wieder dabei wäre.

Love it! - Das war meine Absicht. Mit großer Mühe startete ich, schon der tägliche Weg und die Vorbereitung dauerten lang, und ich kam müde und erschöpft an. Es war viel anstrengender als erhofft. Mir fehlte die Ausdauer. Konzentration und am Ball bleiben waren nicht mehr selbstverständlich. Zielgerichtetes Handeln und Denken fielen mir schwer, mein Selbstvertrauen war im Keller.

Zu meiner großen Überraschung wurden mir bereits in der ersten Woche Dienstreisen und die Teilnahme an externen Arbeitsgruppen angetragen. Positiv betrachtet, kann ich sagen, man wollte mich vielleicht nicht übergehen. Ich konnte nur ablehnen und meine Wünsche wiederholen. Ansinnen dieser Art wurden in den kommenden Wochen wiederholt an mich herangetragen – und von mir zurückgewiesen. Irgendwann hat mich dann niemand mehr gefragt. Es schien mir nicht gelungen zu sein, klarzumachen, dass ich nicht mehr die Alte war und vor allem Zeit brauchte auf dem Weg zurück. 

Change it! – Nur wie? Irgendwann hatte ich mich so weit ins Abseits manövriert, dass ich weitgehend übersehen wurde. Die Wochen vergingen, mir ging es zunehmend besser und ich war bereit, mich wieder mehr und aktiv einzubringen. 

Während meiner Krankheit haben andere meine Aufgaben übernommen und sich gut eingearbeitet. Es gab keinen Grund, warum sie diese ihnen in der Zwischenzeit wichtigen Arbeitsbereiche wieder übergeben sollten. Manche meiner Projekte waren eingeschlafen und ohne Unterstützung kaum wiederzubeleben. Neue Vorschläge von mir wurden abgelehnt, nicht als wichtig angesehen. Ich lief immer wieder ins Leere. Mir war klar: Ich musste etwas unternehmen, um nicht in eine tiefe Depression zu fallen und wieder krank zu werden. Ich setzte mir eine Frist, innerhalb der ich aktiv ausloten würde, was für mich an diesem Arbeitsplatz noch möglich wäre und was mir im weiteren Leben – beruflich und privat – überhaupt wichtig ist.

Um es kurz zu sagen: Ich fühlte mich scheitern. Mir fehlte einfach die Energie, um alles zu kämpfen und zu rangeln. Unterstützung fand ich nicht genug. Die netten Menschen aus meiner Krankheitsphase waren – von wenigen Ausnahmen abgesehen – irgendwie verschwunden. Mittlerweile hatte so etwas wie ein Generationenwechsel stattgefunden. Mehrere Kollegen in meinem Alter waren ausgeschieden und andere, jüngere waren nachgerückt. Ich war plötzlich die Älteste.

Leave it! – Keinen Tag länger als unbedingt notwendig, wollte ich meine kostbare Lebenszeit in dieser für mich belastenden Situation verbringen. Eine Option war der Wechsel in eine andere Abteilung, was ich zuerst als beste Lösung empfand: ein Neubeginn ohne Vorbelastung. Die Nähe zum Rentenalter führte mich dann zum Entschluss, endgültig aus dem Job auszusteigen, so früh und so schnell wie möglich.

Nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, ging es mir deutlich besser. Mittlerweile war ich 59. Ich holte alle notwendigen Informationen ein und begann mit der unauffälligen Vorbereitung meines Ausstiegs. Überwiegend war ich am Arbeitsplatz anwesend und bereit, Aufgaben zu übernehmen, muss aber gestehen, dass sich für mich außer kleinen Hilfstätigkeiten keine tagesfüllenden und meiner Qualifikation entsprechenden Aktivitäten ergaben.

Eine Kollegin, der es ähnlich erging, hatte mir Jahre zuvor erzählt, sie hätte ihr Arbeitszimmer Schritt für Schritt auf- und ausgeräumt, alle Spuren ihrer Arbeit beseitigt, sodass nur noch leere Ordner die Regale füllten. Sie hätte zu jeder Zeit unauffällig gehen können. Diese Idee fand ich genial. Ich hatte ein Ziel und eine Aufgabe für mich gefunden. Die folgenden 14 Monate war ich damit beschäftigt, das Loslassen zu üben und mich nicht mehr so wichtig zu nehmen. 

Irgendwann waren nur noch die allerwichtigsten Unterlagen greifbar, alle anderen Dinge an die jetzt zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übergeben. Regale und Schränke wirkten nach wie vor gefüllt, aber die wohl-sortierten Ordner waren leer, was aber nicht auffiel, denn außer mir interessierte sich sowieso niemand dafür. Alle persönlichen Spuren waren beseitigt. Diese täglichen kleinen Aufgaben erledigte ich unauffällig, und sie bereiteten mir großes Vergnügen. Das Interesse an mir war gering, wenn ich mich nicht selbst aus meinem Zimmer herausbewegte, konnte ich tagelang ohne Kontakte verbringen. Von selbst kam selten jemand vorbei, das Telefon schwieg. Zweimal ließ ich mich längere Zeit krankschreiben, vermisst wurde ich wohl nicht.

Es war aber nicht alles schlecht in dieser langen Zeit; zwei, drei Kolleginnen hielten den Kontakt, sie bezogen mich in ihre Arbeit ein und gaben mir das Gefühl, eine gleichwertige Gesprächspartnerin zu sein, deren Erfahrungen geschätzt werden. Hierfür bin ich ihnen noch heute dankbar. Ich konnte auch meine Nachfolgerin bei der Einarbeitung unterstützen. 

Wenn dieses letzte Jahr an meinem Arbeitsplatz nicht so eine unbefriedigende und verschwendete Zeit gewesen wäre, könnte ich dem Ganzen durchaus eine amüsante Seite abgewinnen. Manchmal, wenn ich heute zurückdenke, hatte es aber etwas Bizarres, Unwirkliches, etwas, das Außenstehende wohl kaum für möglich halten, und was sich so nur in einer großen Institution, die eine relative Anonymität bietet, abspielen kann.

Was ist schiefgegangen? Was hätte anders laufen können? Diese Fragen habe ich mir oft gestellt. Aus heutiger Sicht hätte ich damals nicht anders handeln können, es ging einfach nicht, die Energie fehlte mir. 

Meine größte Fehleinschätzung war wohl die Annahme, dort seien Menschen, die darauf warteten, dass ich wieder zurückkomme. Tatsächlich ist die Krebserkrankung ein Bruch, und nichts ist mehr so, wie es früher einmal war. Es ist illusorisch zu glauben, es könnte alles einfach weitergehen wie vorher. 14 Monate sind eine sehr lange Zeit, in der sich auch die Bedingungen am Arbeitsplatz verändern. 

Die Person, die zurückkam, war nicht mehr die alte. Ich sah anders aus und reagierte anders als erwartet. Im direkten Kontakt konnten etliche Kollegen nicht mit mir umgehen, einige mieden den und stellten ihn irgendwann ganz ein. Es besteht noch immer eine große Unsicherheit im Umgang mit Krebskranken. Mir selbst war ein effektives Gegensteuern nicht wirklich möglich. Wiederholt musste ich erfahren, dass niemand da war, wenn ich ihn gebraucht hätte, auch wenn ich vorher um Unterstützung gebeten hatte. 

Vor allem meine Vorgesetzten haben aus meiner Sicht versagt, indem sie kein Interesse an mir und meiner Mitarbeit zeigten. Oft fühlte ich mich übersehen und abgeschoben. Heute wäre ich wohl wieder in der Lage, aktiv mit dieser Situation umzugehen, anderen offensiver zu begegnen, mir nicht alles gefallen zu lassen. Ich trage niemandem etwas nach, bin aber sehr froh darüber, den Absprung geschafft zu haben.

Was ich nach meiner Rückkehr an den Arbeitsplatz erlebte, ist nicht nur mein persönliches Problem. In ähnlicher Weise ergeht es vielen Menschen nach einer Krebserkrankung. Noch immer wird viel zu wenig getan, um eine Reintegration in das Berufsleben wirklich zu unterstützen – nicht überall, aber häufig. 

Aktuelle Untersuchungen beschreiben, dass in Deutschland 59 Prozent der Frauen mit Brustkrebs, die jünger als 65 Jahre sind, nach Abschluss der Therapie wieder erwerbstätig werden. Diese Quote ist im internationalen Vergleich niedrig – warum, ist nicht geklärt. Von allen Tumorpatienten (nicht nur Brustkrebs) im erwerbsfähigen Alter nehmen zwei Drittel wieder eine Tätigkeit in ihrem ursprünglichen oder in einem anderen Beruf auf, bis zur Hälfte von ihnen (je nach Art der Krebserkrankung) verliert in einem Zeitraum von sechs Jahren nach der Diagnose seinen Arbeitsplatz oder gibt die berufliche Tätigkeit auf. Im Vergleich zu Gesunden wechseln viele ihre Arbeitsstelle, reduzieren die Stundenzahl und müssen deutliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Die unmittelbaren Verhältnisse am Arbeitsplatz und die Hilfestellung bei der Reintegration sind dabei wesentlich für die erfolgreiche Rückkehr ins Erwerbsleben.

Leave it! – Das  war für mich persönlich genau die richtige Entscheidung. Bereut habe ich sie keine Sekunde. Mittlerweile bin ich 62 und habe mich im Rentnerinnen-Dasein gut eingerichtet. Gesundheitlich gibt es Höhen und Tiefen, nicht immer kann ich das machen, was ich gerne möchte, aber es geht mir gut. Ich habe endlich Zeit für mich und für die Dinge, die mir wichtig sind: Bewegung, Entspannung und die Wiederbelebung meiner kreativen Seite. Es gibt viel Neues zu entdecken, und die Zeit erscheint mir immer zu kurz. Meine Wunschliste ist noch lang. Nach zwei Jahren, in denen die Familie einen breiten Raum einnahm, bin ich jetzt so weit, mich wieder sozial engagieren zu wollen. Mal sehen, was sich ergibt, ich bin für alles offen.

Ich möchte allen Mut machen, nicht in einer für sie unerträglichen Situation zu verharren, sondern Mut zur Veränderung zu haben und alle Chancen zur Neuorientierung und zur Veränderung zu nutzen, wenn sie sich ihnen bieten. Auch diejenigen, die in meinem Bekanntenkreis erfolgreich in den Beruf zurückgekehrt sind, haben diesen Mut zu einem Neuanfang bewiesen und sind damit zufrieden und erfolgreich geworden.

 

Krebs: Wege aus der lauten Stille des Schweigens (Christel Schoen, Hg.)

Taschenbuch: 380 Seiten
Größe: 17 x 3 x 22 cm oder als E-Book für alle Lesegeräte
Verlag: Books on Demand; Auflage 2  (27. Januar 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN: 9783734753107

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